| Rezension:
Bei der Besprechung einer Buchneuerscheinung erst einmal dreissig Jahre zurückzublicken und dann auch noch drei andere Buchtitel zu nennen, ist vielleicht ungewöhnlich - aber gelegentlich lässt es sich einfach nicht vermeiden. Der aktuelle Titel "Abenteuer Alpinklettern Tirol" von Otti Wiedmann ist so ein Fall. Also, zunächst geht es mal auf eine kurze Zeitreiese ...
Wir schreiben das Jahr 1976: Der offizielle siebte Grad existiert in den Alpen (gerade) noch nicht, das Klettern in Klettergärten dient vor allem der Vorbereitung auf lange Gebirgstouren und übermässiger Trainingsfleiss gilt unter den „Sestogradisten“ bestenfalls als Eingeständnis von mangelndem Talent. Kondition, gute Nerven, Orientierungsvermögen, die Fähigkeit zum raschen Einrichten von Standplätzen sowie der souveräne Umgang mit brüchigem Fels: das sind die wahren Schlüsselqualifikationen eines Kletterers, der etwas auf sich hält. Und in den Bücherschränken der Extremen dürfen drei Werke nicht fehlen: "Im extremen Fels" von Walter Pause, "Montblanc - Die 100 Idealtouren" von Gaston Rebuffat und, 1976 druckfrisch erschienen, "Auf steilen Wegen in Tirol" von Otti Wiedmann. Zu Beginn der achtziger Jahre gehörten denn auch die drei genannten Meisterwerke zu den absoluten Lieblingsbüchern des Verfassers dieser Zeilen …
Nun ist die Abstammung von „Abenteuer Alpinklettern Tirol“ für Kenner des Vorläuferwerks aus dem Jahr 1976 offensichtlich. Dass aber gute 30 Jahre später nicht etwa ein Sohn oder Enkel von Otti Wiedmann als Verfasser zeichnet, sondern immer noch er selbst, ist sicher schon die erste kleine Sensation. Dass Otti Wiedmann es auch geschafft hat, sich über 30 Jahre lang jeglichen zeitgeistigen Strömungen und Einflüssen zu widersetzen, die eines der letzten wahren Abenteuer in unseren Breiten, eben jenes ursprüngliche alpine Klettern, in irgendeiner Weise hätten schmälern können, ist wohl die zweite Besonderheit am vorgestellten Buchtitel.
So ist das Buch auch gleich auf den ersten Blick wunderschön "old school" - und damit voll im Trend. Kein opulent gestalteter Bildband mit perfekt inszenierten Fotos aus publikumsträchtigen Modetouren, stattdessen viele Schnappschüsse, bei denen wohl öfter die eine Hand am Seil und die andere am Auslöser der Kamera war. Bilder, wie sie jeder Bergbegeisterte oft selber von seinen Touren mit nach Hause bringt – und die genau deshalb dieses Buch spontan sympathisch machen. Weiterhin fällt auf, dass umfangreiche Textblöcke anstelle von Piktogrammen die wesentlichen Informationen vermitteln und die Routenskizzen sicher nicht immer den UIAA-Standards entsprechen – aber dafür mit Sicherheit zeichnerisch bestens gelungene Gustostückchen sind.
Also ein Buch, das 30 Jahre zu spät erscheint? Nein, eher das absolute Gegenteil – ein sehr persönliches und authentisch gemachtes Buch für wirklich jeden vom Gebirge begeisterten Kletterer, das genau im richtigen Moment den alpinen Büchermarkt bereichert!!
Denn das Buch liegt zu 100% im Trend der aktuellen Entwicklung des Alpinkletterns. Immer mehr erfahrene Kletterer aller Leistungsstufen, sogar ehemals eingefleischte Anhänger des Plaisirgedankens, sind zwischenzeitlich der „Norm-Bohrhakenlinien mit Sicherheitsgarantie“ überdrüssig und finden (zumindest hin und wieder) auch Spass an eigenverantwortlich abzusichernden, dafür auch mal leichteren Routen mit höherem und bleibendem Erlebniswert. Dies belegen sowohl aktuelle Veröffentlichungen in den Fachmagazinen, die Tendenzen im High End Bereich, aber auch die Ausrichtung vieler Kursangebote der Alpenvereine. Klemmkeil zu legen und Haken zu schlagen, wird also wieder auf breiterer Ebene salonfähig.
Geeignete Ziele, um genau dieses Abenteuer in Tirol intensiv auszuleben, bietet Otti Wiedmanns neues Werk mehr als genug. 150 an der Zahl! Wobei der Begriff Tirol – wie schon im Vorgängerwerk – geografisch sehr grosszügig ausgelegt wird und Nord- und Südtirol inklusive der südlichen Dolomitengruppen lässig zusammenfasst. Ausgeprägte Tourenschwerpunkte finden sich vor allem in der Innsbrucker Region, den Zentralalpen und in den Dolomiten. Das Tourenspektrum richtet sich dabei an Kletterer fast aller Leistungsstufen und reicht von Routen im 3. bis hin zu Klettereien im oberen 8. Schwierigkeitsgrad. Darunter sind denn auch so bekannte Klassiker wie der Stüdelgrat am Grossglockner , die Fusssteinkante, die Messnerroute am 2. Sellaturm, der Bayerische Traum im Schüsselkar, die Pumprisse am Fleischbankpfeiler oder die Phillip Flamm Verschneidung an der Punta Tissi. Aber auch viele in den letzten Jahren gänzlich missachtete und der alpinen Öffentlichkeit kaum bekannte Ziele fanden Aufnahme und werden in nächster Zeit vielleicht wieder vermehrt Besuch erhalten.
Was fehlt, sind zweifellos die aktuellen „ganz harten Brocken“ der Trad-Climbing-Szene, also Wege im obersten Bereich der Schwierigkeitsskala. Aber diese interessieren doch zumeist ohnehin nur eine sehr überschaubare Anzahl an Spitzenalpinisten und fehlen vor allem aufgrund Otti Wiedmanns überaus ehrenhafter Prämisse, nur Routen zu beschreiben, die er aus eigenem Erleben kennt. Wohltuend in einer Zeit, in der grosse Worte manchmal mehr Beachtung finden als entsprechende Taten. Nebenbei bemerkt: Anstiege wie seine 1990er Erstbegehung „Chaos“ 8- an der Kastenwand (gemeinsam mit Andi Orgler!) dürfte den allermeisten Lesern als „harter Brocken“ ohnehin ausreichen.
Neulinge im alpinen Gelände seien eindringlich gewarnt: Manche der angegebenen Begehungszeiten dürften ohne immense Routine im alpinen Gelände kaum einzuhalten sein. 1200 Klettermeter in sieben Stunden sind bei unübersichtlichem Gelände nun einfach nicht jedermanns Sache. Und wer es nicht kennt, macht sich nur schwer ein Bild davon, was es bedeutet, in einer grossen Wand schnell und instinktiv den richtigen Weg zu finden, anstatt sich in Detaildiskussionen und permanente Zweifel an der Richtigkeit des Weges zu verlieren. Deshalb kann jedem Neueinsteiger nur empfohlen werden, seine Ziele zunächst sehr weit unterhalb der in Sportkletterrouten ermittelten Leistungsgrenze auszuwählen oder sich mit einem alpin erfahrenen Seilpartner ins Seil zu binden. Wenn es dann „megagut“ läuft und bei den ersten alpinen Klettereien sogar noch Zeit bleibt zum Schauen und Geniessen – umso besser, dann hat das Buch bereits eines seiner Ziele erreicht.
Wichtig zu erwähnen scheint mir, dass die Routenskizzen häufig nur einen groben Eindruck von der Kletterei vermitteln können und dem Gros der Kletterer als alleinige Informationsquelle kaum ausreichen dürften (zumindest am Beginn ihrer Alpinkletterkarriere). Auch wenn Otti Wiedmann dem sicher wiedersprechen wird – ohne weitergehende Führerliteratur sieht es für Otto Normalkletterer bei den meisten der Tourenvorschläge eher düster aus.
Fazit:
Ein sehr schönes Buch für alle Freunde des ursprünglichen Kletterns und solche, die es werden wollen – und ein wohltuendes Statement gegen eine von Konsum- und Vollkaskomentalität geprägte Gesellschaft, die glaubt, ihre überzogenen Erwartungen auch in alle Bereiche des Gebirges ausdehnen zu müssen. Weiterhin ein schönes Weihnachtsgeschenk, geeignet selbst für alpinhistorisch interessierte Plaisirkletterer, denen so ein authentischer, für den "Nur-Leser" zugleich absolut sicherer Einblick in das wenig bekannte Paralleluniversum „Abenteuerklettern“ ermöglich wird.
(SR) |